Artikel Alte Kinos in Wien WirtschaftsBlatt Martina Schenk

Alte Kinos in Wien – „Man muss schon verrückt sein“

„WirtschaftsBlatt“ Nr. 3957/2011 vom 30.09.2011 Seite 18
Ressort: Immobilien
Text und Fotos Martina Schenk
Hauptausgabe

REPORTAGE Vielen Kinobetreibern in Wien sind die Mietkosten inzwischen zu hoch geworden – Disput um Förderungen

„Man muss schon verrückt sein“

 

16 30092011 kinos in wien wirtschaftsblatt schenk martina
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Das Cineplexx-Kino an der Wiener Reichsbrücke hat vorige Woche zugesperrt. Kleine Kinos in Wien beklagen hohe Mieten – doch die Gründe für deren Probleme sind vielfältig.

Erich Hemmelmayer gehörten einst vier der kleinen privaten Kinos in Wien: Das Erika-Kino, das Admiral, das Star-Kino und das Bellaria. Vor 35 Jahren ist er ins Kinogeschäft eingestiegen. Das Bellaria Kino hinter dem Volkstheater ist ihm als einziges geblieben. In dem kleinen Einsaalkino werden hauptsächlich deutschsprachige Filme aus der Nachkriegszeit und europäische Filme im Original gespielt. Am Mittwochnachmittag ist das Kino gut besucht. Gekommen sind vor allem ältere Leute. „Die meisten kenne ich persönlich“, so Hemmelmayer. „Ein treues Publikum, das aus nostalgischen Gründen kommt.“

Nichts zu verdienen
20 Stunden pro Woche arbeitet Hemmelmayer selbst noch im Bellaria mit. Hauptberuflich ist er beim Wiener Filmverleih Czerny angestellt. „Vom Kino allein kann man nicht leben.“ Ohne Nebeneinkommen geht es nicht, sagt Hemmelmayer. Die Umstellung auf digitale Abspielgeräte vor ein paar Jahren hat er privat finanziert, ohne neues digitales System wäre es nicht gegangen, für die heutigen Filme werden keine 35mm-Kopien mehr hergestellt. Seine größte Sorge sind aber nicht die Multiplex-Kinos am Stadtrand von Wien, sondern die hohen Mietkosten. „Über ein paar tausend Euro im Monat.“ Genaue Zahlen will er nicht nennen. „Zu verdienen ist dort kein Schilling“, sagt Hemmelmayer.

Früher war die ganze Familie von vier Uhr nachmittags bis Mitternacht in den Kinos eingesetzt – an der Kassa oder beim Abspiel-Gerät. Für den Bellaria-Chef ist an Ruhestand nicht zu denken. Er will das Bellaria weiterführen, solange er dazu in der Lage ist. „Man muss schon auch verrückt sein oder viel Geld haben, will man heute ins Kinogeschäft einsteigen.“ Er rechnet nicht damit, dass seine Familie das Bellaria übernehmen wird.

Mietsteigerungen
Vor zwei Jahren hat Hemmelmayer das Admiral-Kino verkauft. Das Erika-Kino in der Kaiserstraße wurde bereits 1999 an die Conwert verkauft. Die Streitereien mit der Hausverwaltung waren auf Dauer zu anstrengend. Der Mietzins sollte für 200 Quadratmeter von rund 470 € pro Monat auf das Dreifache angehoben werden – zu hoch für Hemmelmayer. Das Haus war baufällig und durch das Dach regnete es hinein. Die Ablöse war zu verlockend, auch wenn das Erika-Kino das umsatzstärkste Kino im Familienbetrieb war. Heute findet man anstelle des „Erika“ das Theater „spielraum“. Hemmelmayer ärgert sich, dass dieses im Gegensatz zum Kino intensiv finanziell unterstützt wurde. Hätte er damals so hohe Förderungen bekommen, würde es sein Kino noch geben.

Nussdorfer Straße 4: Hier war früher das Kolosseum. Heute ist im Erdgeschoss eine Hofer-Filiale. Ganz in der Nähe erinnert eine Werbung an der Hausfassade an das Auge Gottes-Kino. Seit Juni ist das Kino, das zur Constantin-Gruppe gehörte, geschlossen. Noch stehen die Räume im Erdgeschoss leer. Der Quadratmeter-Preis für Gewerbeimmobilien im neunten Bezirk liegt zwischen 9 und 20 €, im siebenten Bezirk sind die Mietkosten ähnlich.

ZAHL
37 Kinos in Wien
Vor 30 Jahren gab es noch 65 Kinos in Wien, heute sind es laut Wirtschaftskammer 37 – davon ein Drittel Multiplexe. Den Umstieg auf digitale Projektion haben erst zwölf Prozent der kleineren Ein- und Zweisaalkinos durchgeführt. Die hohen Investitionskosten sind vor allem für traditio nelle, kleine Kinos kaum zu bewältigen. Die Besucherzahlen sind seit 2008 wieder leicht gestiegen. 2010 konnten rund 17 Millionen Besucher gezählt werden. Die Sitzplatzauslastung in Wien ist deutlich unter jener von Vorarlberg, Oberösterreich und der Steiermark.

Den Wiener Kinos machen hohe Mietpreise und stagnierende Nachfrage zu schaffen – das Bellaria Kino wirkt heute wie ein charmantes Überbleibsel aus einer früheren Epoche

Fotos: auf tumblr // flickr

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